Ein Jahr als Director Global Tool Centers von Freudenberg Sealing Technologies (FST), zwei Standorte auf zwei Kontinenten: Dr. Philipp Stein spricht über den Start in ein völlig neues Umfeld, den Wandel im Werkzeugbau und die Rolle von Digitalisierung und Fertigungstiefe für die Zukunft von FST. Ein Gespräch über Herausforderungen, Chancen und die Kunst, Know-how nachhaltig zu sichern.
Philipp, Du verantwortest seit einem Jahr die Funktion Director Global Tool Centers und damit die Standorte in Laudenbach (D) und Northfield (USA). Was waren für Dich persönlich die größten Herausforderungen in Deinem ersten Jahr in dieser Position?
Zunächst war es für mich ein komplett neues Umfeld. Neben den neuen Teams, die auf zwei Kontinente verteilt sind, waren die Fertigungsprozesse gänzlich neu für mich. Hatte ich zuvor im Lead Center Metals mit großen Pressen zur Fertigung von Metallteilen zu tun, arbeiten wir jetzt mit zum Teil sehr filigranen Zerspanungs- und Wärmebehandlungsprozessen. Auch mein Kundenkreis und die damit verbundene Produktpalette haben sich deutlich erweitert. Somit war die erste Zeit stark vom Kennenlernen, Zuhören und Verstehen geprägt. Gleichzeitig stellte uns aber die allgemeine wirtschaftliche Lage vor große Herausforderungen. So konnten wir zwar eine Produktivitätssteigerung im niedrigen siebenstelligen Bereich erzielen, der damit verbundene positive Ergebniseffekt wurde jedoch durch einen niedrigen Auftragseingang stark gedämpft.
Welche Technologien und Dienstleistungen bieten die Tool Centers aktuell den internen Kunden an, und was ist für die Zukunft geplant?
Technologisch betrachtet bieten wir unseren Kunden das gesamte Spektrum eines Werkzeugbaus an. Beginnend von der drehenden und fräsenden Bauteilbearbeitung über das hochpräzise Erodieren und Rundschleifen bis hin zu kundenspezifischen Härteprozessen. Abgerundet wird das Portfolio durch unsere Konstruktions- und Entwicklungsabteilung. Durch die Kombination einer fertigungsoptimierten Konstruktion und jahrzehntelanger Erfahrung in der Formgebung kann FST seinen Endkunden Produkte auf höchstem Qualitätsniveau anbieten. Dabei ergänzen wir die Erfahrung unserer Mitarbeitenden durch fortschrittliche Simulationen, um das Materialverhalten während und nach der Formgebung vorherzusagen und in die Werkzeugkonstruktion einfließen zu lassen.
Zukünftig werden wir uns noch stärker auf die Digitalisierung unserer Prozesse konzentrieren. Wir haben bereits erste Projekte gestartet, um Künstliche Intelligenz in der Maschinenprogrammierung sowie automatisierte Planungstools zu implementieren. Darüber hinaus gleichen wir unseren Maschinenpark stetig mit den aktuellen Bedürfnissen unserer Kunden ab. Im Moment sehen wir, dass Anfragen für kleine, hochgenaue Bauteile zunehmen. Gleichzeitig werden aber auch vermehrt große Formgebungswerkzeuge angefragt. Diese sind häufig für Applikationen in der Elektromobilität gedacht oder dienen der Produktivitätssteigerung, in dem mehr Dichtungen in einem Zyklus gefertigt werden können.
Was sind aus Deiner Sicht die zentralen Aufgaben eines modernen Werkzeugbaus innerhalb eines global agierenden Unternehmens?

Die zentrale Aufgabe unseres Werkzeugbaus an den Standorten Laudenbach und Northfield besteht darin, intern die passenden Fertigungskapazitäten bereitzustellen. So können wir Entwicklungen innerhalb von FST eigenständig vorantreiben und gleichzeitig unser Know-how bestmöglich schützen.
Diese Möglichkeit heben nicht nur unsere internen, sondern auch externe Kunden hervor, die häufig über die Fertigungstiefe von FST überrascht sind, darin aber einen großen Mehrwert sehen.
Die Risikominimierung stellt eine weitere zentrale Aufgabe dar. Der allgemeine Werkzeugbau steht unter einem enormen Kostendruck, Insolvenzen von kleinen Unternehmen sind leider keine Ausnahme. Ein starker, effizienter interner Werkzeugbau bietet hier Planungssicherheit. Ein weiterer, oft unterschätzter Aspekt bei der Risikominimierung ist die Priorisierung. Wir sind FST, wir werden Aufträge in Absprache mit unseren Kunden immer zum Wohle von FST priorisieren. Externe Lieferanten haben unterschiedlichste Kunden, von denen keiner für den anderen zurückstecken möchte.
Zudem ist es die Aufgabe eines zentralen Werkzeugbaus, Entwicklungen in der Organisation zu steuern, zu bündeln und allen zur Verfügung zu stellen. Denn neben zentralen Werkzeugbauten, sind lokale Werkzeugbauten für Reparaturen und schnelle Prototypen unerlässlich. Ein durchgängiger Technologieaustausch, Standardisierung und fertigungsoptimiertes Design sind daher essenziell, um auch im Werkzeugbau zu operativer Exzellenz zu gelangen.
Welche unterschiedlichen Werkzeuge werden in den Tool Centers hergestellt, und wie tragen diese zur Wertschöpfung im Unternehmen bei?
In den beiden Tool Centern haben wir die Möglichkeit, nahezu alle bei FST benötigten Werkzeuge herzustellen. Dies beginnt bei allen Arten von Stanzwerkzeugen (Compound, Transfer, Progressive), geht weiter über Formgebungswerkzeuge (Injection, Compression, Transfer Molding) und endet bei Inkubator-Werkzeugen, wie sie zum Beispiel für Wave Guide Antennas zum Einsatz kommen. All diese Werkzeuge sind das Rückgrat der Wertschöpfungskette von FST.
Übrigens müssen wir Werkzeuge nur dann nach extern vergeben, wenn die Werkzeugabmessungen größer als unsere Anlagenfähigkeiten sind. In diesem Fall ist ein enger Kundenkontakt nötig, um zu evaluieren, ob es wirtschaftlich und mit Blick auf unseren Know-How-Schutz sinnvoll ist, neue Anlagen zu beschaffen.
Die aktuelle Wirtschaftslage geht auch an unseren externen Kunden nicht vorbei. Inwiefern schlägt sich das auf die Auftragslage in den Tool Shops nieder?
Leider spüren wir die wirtschaftlichen Auswirkungen deutlich. Endkunden halten Neuanläufe zurück und verwenden stattdessen bestehende Produkte weiter. Somit kann es bei unseren internen Kunden zwar zu Volumensteigerungen kommen, neue Werkzeuge werden aber nicht zwingend benötigt. In diesen Zeiten gilt für uns, dass wir uns auf die Zukunft vorbereiten. Damit meine ich, wir müssen unsere Fertigungsmöglichkeiten in der Krise anpassen, aber auch unsere vorhandenen Kapazitäten nutzen. Denn Werkzeugmacher sind Spezialisten. Haben wir sie einmal verloren, ist es ein langer und sehr steiniger Weg, um das schützenswerte Know-How wieder aufzubauen.
Impressionen aus dem Werkzeugbau in Laudenbach:








