Manfred von Wensierski und Carl-Josef Testroet haben 2017 über Trends im Automobilantrieb orakelt – und jetzt ihre damaligen Annahmen verglichen.
Es ist nicht mehr oft, dass sich Manfred von Wensierski und Carl-Josef Testroet treffen. Wensierski leitet seit vielen Jahren das Key Account Volkswagen von Automotive Sales in Wolfsburg. Testroet war dort lange sein Kollege, inzwischen ist er im Ruhestand. Ende September schaute Testroet an seiner alten Wirkungsstätte wieder einmal vorbei. Aus gutem Grund. Denn es galt, zwei Briefumschläge zu öffnen, die die beiden profunden Kenner des Automobilgeschäfts unabhängig voneinander im Jahr 2017 verschlossen hatten.
Damals wagten beide in einem Fragebogen den Blick in die Zukunft: Sie schauten tief in die Glaskugel und prognostizierten, wie sich die Automobilbranche – genau gesagt die Produktionszahlen einzelner Antriebsarten – innerhalb der nächsten Jahre entwickeln würde. Was wird aus dem Verbrenner, speziell aus dem Diesel? Welche Rolle werden vollelektrische und Hybridantriebe spielen, im Markt allgemein sowie bei Volkswagen im Speziellen?

„Das war damals eine Art Wette, ein Spaß, keine wissenschaftliche Prognose“, erinnert sich von Wensierski. Sehr gespannt waren die beiden – plus das gesamte Key-Account-Team – jetzt aber doch, wessen im Jahr 2017 getroffenen Prognosen die Wirklichkeit des Jahres 2025 besser getroffen haben.
Die Antwort: Ein Wahrsager im wahren Wortsinn war keiner von beiden. Einer lag jedoch bei der Beantwortung aller vier Fragen deutlich näher an der Realität von heute als der andere.
Die Voraussagen Testroets spiegeln seine damalige E-Mobility-Skepsis wider. Er sah im Jahr 2025 Diesel- und Ottomotoren noch ganz klar in der Pole-Position. Aktuelle Statistiken widerlegen dies. Die Marktanteile der einzelnen Antriebsarten haben sich in Europa und weltweit deutlich hin zu Hybrid- und Elektrofahrzeugen verschoben.
Von Wensierski lag mit seinem Orakel eines auf unter 20 Prozent sinkenden Marktanteils des Diesels in Europa genau richtig. Insgesamt schoss er aber etwas übers Ziel hinaus und sagte 2017 für 2025 einen noch schnelleren, intensiveren Wandel hin zur Elektromobilität voraus – auch bei seinem Kunden Volkswagen.
Interessant: 2017 haben die beiden Protagonisten nicht nur acht Jahre in die Zukunft der Automobilbranche vorausgeschaut, sondern zusätzlich sogar noch weiter ins Jahr 2030. Diese beiden Briefumschläge blieben dieses Mal noch verschlossen. Sie werden erst in fünf Jahren geöffnet und die getroffenen Aussagen an der Realität gemessen.
Aktuell lautet von Wensierskis Markteinschätzung übrigens so: „Der Trend zur Elektromobilität lässt sich nicht mehr umkehren, aber auch die Verbrenner werden nicht sterben.“ Seine Annahme: Der Markt werde sich stärker ausdifferenzieren. Ein Beispiel: Die Erwartungen junger Menschen in China an Technik, Design und Konnektivität eines Autos unterscheiden sich, so Wensierski, von denen älterer Menschen in Europa. „Auf solche unterschiedlichen Kundenanforderungen müssen die Hersteller für jede Region und für jedes Fahrzeugsegment eingehen.“ Dass diese Zukunftsprognose zutrifft, erscheint im Lichte von Vergangenheit und Gegenwart wahrscheinlich. Doch, wer weiß…?
