Die Bauarbeiten für das neue Rohmischwerk von Freudenberg Sealing Technologies (FST) am Standort Weinheim haben begonnen. Bei dem Gemeinschaftsprojekt mit Freudenberg Real Estate (FRE) und Freudenberg Service (FSV) spielt Nachhaltigkeit eine große Rolle. „Nachhaltiges Handeln ist für uns kein Selbstzweck, sondern es schafft Mehrwerte. Über den Schutz von Umwelt und Ressourcen hinaus bringt es uns qualitative oder prozesstechnische Vorteile“, sagt Christian Pfeifer, Manager Fabrikplanung.
Der Bau des neuen Rohmischwerks von FST in Weinheim ist ein Mega-Projekt. Die beiden benachbarten Gebäude, ein Lager sowie ein Fertigungs-, Entwicklungs- und Verwaltungsgebäude, werden imposant. Kein Wunder, beziehen doch rund 30 Freudenberg-Standorte ihre Werkstoffe von hier.
Bei dem Neubau legen alle drei Projektpartner großen Wert auf Nachhaltigkeit. Wenn in zwei Jahren die Bauarbeiten beendet sind, wird zum Beispiel eine Photovoltaikanlage auf dem Dach schon von Weitem erkennbar sein. Sie wird beachtliche Anteile des eigenen Strombedarfs selbst erzeugen. Für Fachleute: Auf dem Rohmischwerk wird eine 1,5-Megawatt-Anlage die Energie der Sonne in Strom verwandeln.

20 Prozent besser als verlangt
Selbstverständlich wird auch die Bausubstanz des neuen Rohmischwerks den neuesten Energieeffizienzstandards entsprechen. „Alles wird gut gedämmt und dicht, damit keine Luft selbst durch winzige Öffnungen oder Ritze ungewollt ein- oder ausströmt. Durch unsere Materialauswahl sind wir sogar 20 Prozent besser, als es die gesetzlichen Vorgaben verlangen. So senken wir je nach Jahreszeit unseren Energiebedarf fürs Kühlen oder Heizen“, führt Pfeifer aus.
Die Lagerhalle wird – ähnlich einer Fußbodenheizung im Eigenheim – über ein Wasserleitungssystem im Boden temperiert. Der Betonboden fungiert dabei wie ein Energiespeicher. Im Winter nimmt er Wärme auf, im Sommer Kälte. Anschließend gibt der Boden die Temperatur nach und nach schleichend, aber gleichmäßig an die Raumluft ab und schafft ein angenehmes Raumklima.
Der große Vorteil dieses „Betonboden-Speichereffekts“: „Wir können spontan Energie zukaufen und einsetzen, um sie dann über einen langen Zeitraum zu nutzen“, erklärt Pfeifer. Dazu muss man wissen: Der Preis für Grünstrom, wie ihn das Freudenberg-Kraftwerk im IPW bezieht, schwankt kräftig. Wenn die Sonne scheint und der Wind weht, ist er günstig zu haben. Genau dann kann ihn das neue Mischwerk – via Kraftwerk – zu niedrigen Preisen einkaufen und die damit erzeugte Kälte oder Wärme anschließend im Fußboden „bevorraten“.
Genial einfach, aber einfach genial, nutzt das Gebäude zum Kühlen die Regeln der Physik: Warme Luft steigt nach oben. So kann nachts überschüssige Wärme insbesondere im Sommer über geöffnete Deckenfenster entweichen – ganz ohne Klimaanlage.
Kühlen und heizen: Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen
Der Themenkomplex Umwelt-, Kostenbewusstsein und Effizienz bestimmt nicht nur den Bau des neuen Gebäudes, er wird auch für die Maschinen darin gelten. Ob Kneter oder Walzwerke: Die Mischlinien müssen im Betrieb gekühlt werden. Das dafür genutzte Kühlwasser heizt sich dabei auf.
Wie ein Kühlschrank daheim, wird im neuen Mischwerk eine Wärmepumpe die Temperatur dieses Kühlwassers wieder absenken. Somit kann es im nächsten Durchlauf wieder seinen kühlenden Zweck erfüllen. Der Zusatzeffekt dabei: Die dem Kühlwasser entzogene Wärme wird in Form von Warmwasser wieder in das Fernwärmenetz des IPW eingespeist. Das heißt, die zur Maschinenkühlung aufgewendete Energie kann im IPW wieder sinnvoll zum Heizen von Gebäuden oder für warmes Wasser aus dem Wasserhahn verwendet werden. Das ist nachhaltig. Überschüssige (Wärme-)Energie wird nicht ungenutzt an die Umwelt abgegeben, sondern wiederverwertet.

Weniger Verbrauch ohne Leistungsverlust
Der Umzug wird auch genutzt, um sinnvolle technische Verbesserungen umzusetzen. So werden die Mischlinien, insbesondere die Antriebe von Knetern und Walzwerken, energetisch optimiert – ohne Leistungsverluste. Vorbild ist in diesem Fall ein in Indien verwirklichtes Pilotprojekt, das den „We all take care“-Award der Freudenberg-Gruppe gewonnen hat. Ein klassisches Beispiel für „Best Practice“.
Pfeifer veranschaulicht plakativ: „Übertragen aufs Auto entfalten unsere Anlagen weiterhin die Leistungskraft eines Oberklassefahrzeugs, verbrauchen aber nur so viel Sprit wie ein Kompaktwagen.“ Jede eingesparte Kilowattstunde spart Geld, umso mehr bei steigenden Energiepreisen.
Schließlich zahlen eine Reihe von Prozessverbesserungen im neuen Rohmischwerk auf das Konto Nachhaltigkeit ein. Einfach genial klingt auch das Vorhaben, die Füllstoffe mittels Schwerkraft zu dosieren. Kostenlos, ohne Energieaufwand. „Bislang benötigen wir dafür teure Druckluft. Jetzt fallen die Füllstoffe einfach von oben nach unten“, erklärt Peifer. Ein zusätzlicher Mehrwert dieser sogenannten gravimetrischen Dosiertechnik: Sie arbeitet höchst präzise.
Automatisierung trifft Künstliche Intelligenz
Auch am neuen Ort will das Rohmischwerk den seit Jahren eingeschlagenen Weg der Automatisierung fortsetzen. Dass Arbeitsaufträge, Chargenbegleitpapiere und viele andere Informationen künftig nicht mehr in Papierform, sondern digital übertragen und dokumentiert werden, klingt selbstverständlich. Das schont natürliche Ressourcen, vereinfacht und beschleunigt Prozesse.
In puncto Energieeffizienz und Nachhaltigkeit lassen sich besonders viele Pluspunkte sammeln, wenn Gebäudetechnik und Produktionsanlagen miteinander sowie mit Internet und Energieversorger vernetzt sind und – so lautet die Vision – Künstliche Intelligenz (KI) Prozesse steuert. Anders ausgedrückt: Der Neubau eröffnet FST die Möglichkeit, künftig im Sinne nachhaltiger Effizienz Automatisierung und KI verstärkt zu kombinieren.
KI-gesteuert könnten zum Beispiel führerlose automatisierte Transportfahrzeuge immer den effizientesten Weg zum effizientesten Zeitpunkt wählen und ihre Akkus genau dann nachladen, wenn – siehe oben – Strom gerade günstig zu haben ist. Ein paar andere clevere Beispiele: Wenn das Produktionssystem dem Gebäudesystem frühzeitig avisiert, wann welche Linie zu produzieren beginnt, können die räumlichen Umgebungsbedingungen automatisch perfekt darauf abgestimmt werden. Oder: Wenn CO2-Sensoren und Präsensmelder permanent signalisieren, ob und wie viele Personen sich gerade in einem Büroraum befinden, können Raumtemperatur, Frischluftzufuhr, Licht oder die Beschattung durch Jalousien exakt darauf abgepasst werden. Auch braucht eine Klimaanlage nicht auf Hochtouren zu laufen, wenn das Wetterradar via Internet in Kürze ein kühlendes Gewitter vorhersagt. Danach lässt sich die Raumtemperatur bequem – und automatisiert – durch geöffnete Fenster senken.
Zu guter Letzt: Ein weiterer Pluspunkt in Sachen Nachhaltigkeit ist die Konzentration von Lager und Produktion an einer Stelle. Im Vergleich zur bisherigen dezentralen Aufstellung im Industriepark spart die zentrale Lösung Transportwege und Zeit.